General-Anzeiger, Mittwoch 19. März 2008

„Wir nehmen dem Leben die Schärfe“

Das „Springmaus“ Improvisationstheater feierte sein 25 – jähriges Bestehen mit einer Doppelpremiere in den Kammerspielen – 1983 wagte Bill Mockridge zusammen mit sechs Studenten ein ungewöhnliches Bühnenprojekt.

Von Ulrike Strauck

An seine erste Begegnung mit seiner späteren Ehefrau Margie Kinsky kann sich Bill Mockridge gut erinnern: „Sie war eine von den Studenten, die sich für mein neues Theaterprojekt vorstellen, trug ihren Pullover falsch herum, dazu Schlittschuhe um den Hals und die Haare auf halb acht“.

Was den Schauspieler und Gründer des Springmaus Improvisationstheaters mit kanadischen Wurzeln jedoch sofort überzeugen hat, waren Kinskys Spontaneität und ihr komisches Talent. Ebenso wie Andreas Etienne, Michael Müller und Anka Zink – ihre Mitspieler von damals bei der Premiere am 20 März 1983 im Szenenlokal „Anno Tubac“ – steht Margie Kinsky auch heute noch auf der Bühne.
Während aus dem anfangs ein wenig waghalsiges Projekt von Mockridge inzwischen selbst ein Klassiker geworden ist. „Ich hatte selbst früher die Nase voll vom Regietheater und der Guckkasten – Atmosphäre“, erinnert sich der heute 60 jährige, der seinerzeit am Theater Bonn engagiert war. „Ich wollte die vierte Wand niederreißen und endlich mit dem Publikum in Kontakt treten.“ So kam ihm schließlich die theaterpädagogischen Übungen aus seiner Schauspielausbildung in Montreal in den Sinn. Improvisation – könnte das auch in Deutschland gut gehen?

Auf die Antwort mussten Bill Mockridge und sein Ensemble aus sechs Darstellern nicht lange warten. Erst riet Kinsky & co., zügig ihr Studium abzuschließen, „denn das kann wirklich etwas ganz großes werde“.

Das Bonner Publikum kam zur Vorstellung nach seinem ersten überraschten stutzen schnell auf den Geschmack und überhäufte die Springmäuse spontan mit Vorschlägen. So dass Mockridges neue und spannende Mischung aus Improvisation und Comedy – die Idee mit der Maus stammt übrigens von Gründungsmitglied Margie Kinsky – nicht lange ein Geheimtipp blieb. Auch nicht für spätere Kollegen wie Dirk Bach, Christoph Brüske, Ralf Schmitz und Bernhard Hoecker, die von der Springmaus aus ihren Weg gemacht haben, live und im Fernsehen. Rund 40 Schauspieler haben in den ersten 25 Jahren das Theater durchlaufen und waren in 30 Programmen zu sehen.

Bill Mockridge selbst hat hingegen nie mit seinen Mäusen auf der Bühne gestanden, sondern sieht sich selbst eher als „Coach“ aus seinen „Neuverpflichtungen“ von damals von Paul Hombach über Georg Roth bis zu Norbert Frieling und vielen anderen sind heute längst Stammspieler geworden.

Für den Erfolg der Springmaus gibt es aus deren Sicht mehrere Erklärugen: „Was wir machen, ist Volkstheater im eigentlichen Sinn.
Es hat mit dem täglichen Brot der Leute zu tun. Wir nehmen dem Leben die Schärfe und verschaffen den Zuschauern ein Stück Freiluft, ohne dabei doktrinär zu sein“, bringt es Georg Roth Ensemblemitglied seit 1994, auf den Punkt. „Der Erfolg ist manchmal auch das Scheitern“, lautet die These von Paul Hombach, der 1991 kam und heute zusammen mit Roth und Kinsky ein Team bildet. Eines der Ensembles, die zurzeit durch die Lande Touren. „Die Leute merken, dass das, was wir auf der Bühne machen, echt ist“, weiß Hombach aus Erfahrung, „vor allem wenn einer einen Hänger hat. Und doch können alle gemeinsam darüber lachen, und zu guter letzt war es ein schöner Abend“.

Einer, dem noch viele folgen mögen, geht es nach dem Gründungsvater Bill Mockridge. Er glaubt fest daran, dass es Springmäuse auch in den nächsten 25 Jahren noch geben wird. Es komme schließlich nicht von ungefähr, dass das Konzept immer wieder kopiert werde, ergänzt Margie Kinsky. „Gruppen kommen und gehen. Oder kurz gesagt: Nur wo Springmaus drauf steht ist auch Springmaus drin“.

So wie beim Jubiläumsprogramm „Nur vom feinsten – 25 Jahre in bester Gesellschaft“ mit Margie Kinsky. Georg Roth und Paul Hombach und dem neuen Programm „Mach dein Ding!“ mit Silke Vennemann. Norbert Frieling, Jaya Santacruz und Gilly Alfeo, die am 15. und 16. April Premiere in den Godesberger Kammerspielen feiern. Ein Vierteljahrhundert, nachdem Bill Mockridge ins Grübeln kam und die Geschichte ihren Anfang nahm.